Aus der Chronik Gerichshain!

Die Besiedlung Gerichshains nach Erhart Kundisch
aufgeschrieben von Klaus Eilenberg
An der westlichen Grenze unseres Kreises liegt das Dorf Gerichshain. Seiner geographischen Lage nach kann man es nicht mehr zum Wurzener Land rechnen, denn es liegt jenseits der zwischen Machern und Gerichshain verlaufenden Wasserscheide. Das Wasser der Gerichshainer Gräben fließt in die Parthe. Deshalb waren früher als Dorfanger 2 große Teiche angelegt, die überschüssiges Wasser aufnahmen.
Hier beginnt also schon das Leipziger Land. Dies wird dem Wanderer so recht bewusst, wenn er, von Machern kommend, bei Posthausen auf der Höhe des Wachtelberges steht und das Dorf mit dem weithin sichtbaren Kirchturm vor sich liegen sieht. Weit schweift hier der Blick in die Leipziger Ebene, wo in der Ferne das Völkerschlachtdenkmal und die Stadtumrisse durch den Nebeldunst schimmern.
Es ist nicht leicht, viel aus der Geschichte des Dorfes zu berichten, denn die Unterlagen sind bei einem Großfeuer des Pfarrhauses Ende des 18. Jahrhunderts verbrannt und damit recht spärlich. Mit Sicherheit ist anzunehmen, dass es als Straßenangerdorf in der Zeit der Eroberung und Besiedlung des ehemals von Slawen besiedelten Landes von Deutschen gegründet wurde. Bei der Teilung des Frankenreiches im Jahr 870 verlief die deutsche Ostgrenze entlang der Elbe und Saale. 928 drangen deutsche Ritter in das slawische Gebiet östlich der Saale, um es zu erobern. Sie errichteten befestigte Plätze, sog. Burgwarde, von denen aus sie das Land beherrschten. Leipzig, Taucha, Püchau, Nerchau waren solche Stützpunkte.
Das Land selbst war noch weiterhin von Slawen bewohnt, die aber in zunehmenden Maße von den Eindringlingen unterjocht wurden.
Unser Land gehörte damals zur Mark Merseburg, die bis über die Mulde reichte. Mit Beginn des 12. Jahrhunderts, nachdem das slawische Gebiet militärisch erobert worden war und die deutschen Feudalherren ihre Vormachtstellung gegenüber den Slawen gefestigt hatten, wurden aus Franken, Thüringen und den niederrheinischen Gebieten (Flamen) deutsche Bauern zur Besiedlung des eroberten Gebietes herangeholt. Die sorbischen Einwohner wurden immer weiter zurückgedrängt. Damals war die Gegend um Gerichshain noch größtenteils von Wald umgeben, welcher sich bis weit nach Süden (Rochlitz, Borna) zog.
Als die ersten Siedler hier ankamen—der Hauptstrom kam zu Ende des 12. Jahrhunderts —fanden sie in unmittelbarer Nähe der neuen Siedlungen bereits ein slawisches Dorf vor. Es war das Dorf „Olswicz" (Oelzschau) das in der Nähe des Steingartenteiches (Steingassenteich) gelegen hat. Allein an seinem Namen sehen wir, dass es ein Slawendorf gewesen ist. In alten Urkunden wird es 1378 als „Olschkow" genannt. Im Jahr 1496 lesen wir im Amtsregister: „Die Oltzscher Mark" grenzt an die „Kunßdorfer Mark". Im Jahr 1497 wird auch „Kunßdorf" als „ein wuste Dorf" bezeichnet.
Beide Dörfer, Ölzschau und Cunnersdorf verfielen also schon sehr zeitig und wurden sog. „Wüsten Marken".

Im Jahr 1497 wird auch die Dresenmark als „ein Holtzs margk" bezeugt. Einige Jahre früher, zwischen 1378 und 1390 muss auch das Dorf Wehrbruch eingegangen sein, dessen Fluren später zu Zweenfurth kamen, denn 1390 lesen wir von einem „velde des wusten dorffis Birgbruch".
Mitten in einem Kranz von Dörfern, von denen die meisten wahrscheinlich bereits vorhanden gewesen sind (slawische Gründungen), entstand nun das neue Kolonistendorf (Gerichshain). Der Ortsname selbst dürfte die Ableitung eines Personennamens sein. Wahrscheinlich hat der Ort seinen Namen von dem Meißner Bischof Gerung. Im Lehnbuch von 1350 wird der Ortsname „Gerungishain" geschrieben. Später lesen wir „Geryngishain".
Nach einer Urkunde aus dem Jahre 1541 musste das Dorf jährlich VII gr. (Groschen) auff Martini, an die Nonnen des Georgenklosters zu Leipzig abliefern. In dieser Urkunde lesen wir von „Geringßhain". Auf der Karte von Peter Schenk aus dem 18. Jahrhundert wird der Ort „Gerichshayn" geschrieben. Die Endung „hain" kann mit dem großen Waldgebiet in Verbindung gebracht werden, dessen nördliche Grenze bei Gerichshain verlief. Der Tresenwald und die „Fasanerie" können als Reste dieses Waldes betrachtet werden.
In diesem Zusammenhang ist auch die Flurbezeichnung „aufm Birkchen" interessant, die wir an der nordöstlichen Flurgrenze finden. Nach 1820 ist das „Birkchen" auf einer Karte als großer Wald zwischen Gerichshain und Cunnersdorf zu sehen. Die Straße nach Cunnersdorf führte mitten durch den Wald hindurch, der erst kurz vor Cunnersdorf am „GeringewiesenTeich" endete. Nach Westen zog er sich bis an die Straße nach Panitzsch hin. Dort sprechen unsere Bauern noch heute vom „Pfarrholz".
Wo die Straße nach Zweenfurth durch den Bahndamm führt, lag damals noch ein anderer kleiner Busch. Er hieß „das Berbrach" und deutete damit auf die dort befindliche Wüste Mark „Wehrbruch" hin. Das Berbrach wurde beim Bau der Eisenbahnstrecke abgeholzt.
In späteren Jahren fielen immer mehr Wälder den Äxten zum Opfer, und Felder traten an ihre Stelle. Die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts rasch ansteigende Bevölkerung der nahen Stadt Leipzig benötigte zu ihrer Versorgung immer mehr landwirtschaftliche Produkte. Der Rückgang des Waldbestandes hat sich bis in unsere Jahre fortgesetzt.
So sind in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts der östlich des Pehritzscher Weges liegende Streifen des Tresenwaldes sowie der südliche Zipfel der sog. „preußischen Spitze" verschwunden.

650 Jahre Erstbenennung Gerichshain
aufgeschrieben von Klaus Eilenberg
Es sind seit der Erstbenennung unseres Ortes im Lehnbuch der Markgrafen, aus dem Hause Wettin in Meißen, 658 Jahre vergangen.
In der Gründungsakte des Ortes Kühren - sie ist noch erhalten, lesen wir folgendes: Die Gründung des Ortes Kühren ist 1154 urkundlich belegt und erfolgte durch den Bischof Gerung von Meißen.
Er brachte flämisch flandrische Siedler in das Gebiet des heutigen Nordwestsachsen, wie die noch vorhandene Gründungsurkunde des Ortes lt. Siegfried Störzel aussagt. Die Jungbauern aus Flandern waren lt. Urkunde persönlich frei, mußten den Zehnten an die Kirche, sowie Grundzins in Geldform (2 Schilling pro Jahr) entrichten. Dabei waren sie frei von Zoll und Steuern. Sie hatten für die damalige Zeit eine sehr günstige rechtliche und ökonomische Situation.
Der Dorfvorsteher (Dorfmeister, Bauermeister, Richter) führte die aus dem flämischen Raum mitgebrachte Bezeichnung „Schultheiß".
In abgekürzter Form später der Familienname „Schulze", mit der Einführung von Familiennamen (14.-15. Jahrhundert).
Die Aufteilung der Flächen erfolgte je Familie 1 Hufe. Der Schultheiß erhielt 2 Hufen und die Kirche 1 Hufe Land.
Die reine Tauschwirtschaft war schon überholt. Man besaß damals in den Dörfern schon Silbergeld und verkaufte seine tierischen und pflanzlichen Produkte.
Der Bauer benötigte Geld zum Zahlen des Grundzinses.
Es waren 2 Schillinge zu je 12 Pfennig. Der Wert des Pfennigs lag bedeutend höher als heute.
Die Gründung des Dorfes Gerichshain wird ähnlich erfolgt sein und zwar in unmittelbarer Nähe des sorbischen Dorfes „Olswicz", das ebenfalls im Jahr 1350 erstmals im Lehnbuch des Markgrafen von Meißen genannt wird.
Gerichshain ist als Straßenangerdorf angelegt worden. Sein erstgenannter Name „Gerungishain" führt laut Aufzeichnungen auf den Bischof Gerung von Meißen zurück.
Es ist bekannt, das Bischof Gerung - der unter anderen auch Geringswalde gründen ließ - in den Jahren 1152 bis 1170 (seinem Todesjahr) als leitender Kleriker des Bistums Meißen tätig war.
In den nachfolgenden Registern des Lehnbuches des Markgrafen fand der erstgenannte Ortsname ständige Veränderung durch Sprache und Schrift.
1369 Geringeshagen
1378 Jerungishain
1438 Gerischein
1469 Geringißhain
1529 Gyrienßhagen
1541 Geringßhain und Gerigshan
1717 Gerichshayn

Sprachliche Erklärung:
Es ist eine „Hagensiedlung eines Gerung" althochdeutsch Gerung, aber Gering aus dem mittelhochdeutschen gör, althochdeutsch gero = Spieß. Wortendung -ing ist oberdeutsch und -ung mitteldeutsch (Thüringen). Die Entwicklung von -ung zu -isch ist obermitteldeutsch. Die Wortendung Gerichs -hain stammt vom früheren Ort Hagen = Hain. Im Althochdeutschen bedeutet „Hagen" eingezäunter Ort.
Orte, die auf Rodeland entstanden, erhielten in ihren Namen die Endung -hain, z. B. Ammelshain, Altenhain, Albrechtshain, Erdmannshain, Fuchshain u. a.
Im „Vollständigen Staats-, Post- und Zeitungslexikon von August Schumann, 3. Band, Zwickau 1816, Seite 100" ist folgendes über die Historie von Gerichshain geschrieben: Gerichshayn, fälschlich Görichshain genannt, Dorf in dem Leipziger Kreise, in dem Erbamt Grimma, auf der Straße von Leipzig nach Wurzen, zwischen Parthe und Mulde, 3 Stunden östlich von Leipzig gelegen. Gero und Gerung waren im Mittelalter sehr gewöhnliche Namen und einer dieser Namen mag wohl der Gründer des Dorfes seyn. Es gehört schriftsässig zum Rittergut Brandis, und besteht aus 62 Häusern. Unter den Einwohnern sind 52 Gutsbesitzer und 10 Häusler.
Es wird in der Gegend nach slawischer Art auch „Gergsen" oder „Gergsten" genannt. Gerichshayn war in früheren Zeiten ein Leipziger Amtsdorf. Bis es Herzog Georg von Sachsen im Jahr 1512 seinem Hofmeister dem Ritter Rudolf von Bünan auf Brandis, nebst den Erbgerichten auf den Wüstungen Oeltzschau, Konsdorf, Mark Drehsa und allen Gerechtsamen für 575 Gulden verkaufte.
In die dasige Kirche ist das Dorf oder vielmehr Vorwerk Posthausen eingepfarrt.
Aus historischen Aufzeichnungen entnehmen wir die Zugehörigkeit zu Verwaltungsbezirken:
1378 - gehörig zum castrum Leipzig
1696, 1764, 1816 und 1843 - gehörig zur Amtshauptmannschaft Leipzig
1856 - Gerichtsstand beim Rittergut Brandis
1875 - gehörig zur Amtshauptmannschaft Grimma
1952 - gehörig zum Kreis Wurzen
1994-1995 - gehörig zum neugebildeten Muldentalkreis verliert Gerichshain seine Souveränität durch Eingemeindung in die Gemeinde Machern.
Des Weiteren erfahren wir aus alten Schriftstücken, dass Gerichshain 1551, 1696 und 1764 bezeugt, zu der Grundherrschaft des Rittergutes Brandis gehörte, dazu die Wüstungen Oeltzsche, Konsdorf, Mark Drehsa und Wehrbruch mit allen Gerechtsamen. Zur kirchlichen und schulischen Organisation ist zu bemerken: Vor der Reformation (um 1539) war Gerichshain Filialkirche von Brandis bis 1930. Seit 1932 ist unsere Gemeinde Filialkirche von Borsdorf. Der Ortsteil Posthausen (Vorwerk vom Rittergut Brandis seit 1551), ist seit 1752 in die Kirchgemeinde Gerichshain eingepfarrt. In der letzten Vergangenheit, nach dem 2. Weltkrieg, war die kirchliche Organisation entsprechend der politischen Situation z. Z. der DDR recht wechselhaft, meist aber mit Borsdorf verbunden. Heute besteht diese Verbindung wieder. Zur Kirche und Pfarre gehören landwirtschaftliche Flächen (z. B. das sog. „Pfarrholz" = Flurname). Sie waren früher notwendig zur Absicherung des Lebensunterhaltes der Pfarrerfamilie. Das Gleiche galt auch für die Schule und den Schuldienst. Der Kantor und der Hilfslehrer waren nebenbei Bauern zur Selbstversorgung. Beide Lehrer standen unter der Obrigkeit des jeweiligen Pfarrers und übergeordneter kirchlicher Institutionen.
Nun etwas zur Entwicklung der Einwohnerzahlen. Das frühere reine Bauerndorf ist, durch die Anfang des 20. Jh. entstandene Industriealisierung unserer Heimat, zu einem, auf Einwohner bezogenen gemischten Dorf geworden. Industriearbeiter, Angestellte, Handwerker und Geschäftsinhaber wurden hier sesshaft. Dafür waren die Nähe der Städte Leipzig und Wurzen, die Bahnverbindung und die Landstraße 6 (neu B 6) bestimmend als Pendler im Ort zu wohnen.


Hier die Statistik:
1551- 34 besessene Man, 2 Häusler,
1764- 52 besessene Man, 3 Häusler
1803- 313 Einwohner mit Posthausen
1828- 360 Einwohner mit Posthausen
1834- 376 Einwohner mit Posthausen
1855- 448 nach Pfarrer Leupold
1871- 476
1880- 588
1900- 731
1905- 832
1925- 995
1929- 996
1933- 1055
1939- 1026
1946- 1281
1951- 1281
1957- 1126
ca. 1994- 1200
ca. 1996- 1400
1997- 1630



Die geografische Lage und bauliche Daten
Die Höhenlage schwankt zwischen 128 m an der Bahnunterführung Zweenfurther Weg und 161 m am Wachtelberg. Der Ort, ein Straßenangerdorf, liegt westlich der Wasserscheide (Wachtelberg) zwischen östlich der Mulde und westlich der Parthe. Der Ort und die überwiegende Anzahl der Flächen entwässern zur Parthe.
Der Ort bestand bzw. besteht noch aus vorwiegend Bauernhöfen fränkisch-flämischer Bauart, d. h. Dreiseit- oder Vierseithöfe. Die damaligen Häusler errichteten Eindachbauten. Die Hauptbaustoffe waren Holzfachwerk mit Lehm ausgesetzt und Strohdach.
Später dann folgten Bruchstein- und Ziegelbauten mit oder ohne Außenputz, sowie Satteldächer mit Ziegelabdeckung.
Baustoffhersteller: Ziegelwerk Lübschütz
Hartbranntsteine Harcort-Hülsmann Bennewitz-Deuben
Granitsteinbruch Beucha
Hofeingang und Vorgärten zierten mit Tor und Zaun aus Schmiedeeisen, teils recht kunstvoll. Einfriedungen nach der Feldseite bestanden aus immergrünen Heckenpflanzungen.
Ab 1880 erfolgte die Anlegung der heutigen Kirchstraße und damit ein südlicher Zugang zum Friedhof. Danach entstanden die ersten Altbauhäuser auf dem Feld des Bauern Süßkind (ehem. Gut Nr.16). Damit begann die Veränderung des reinen Bauerndorfes zum Wohn- und Lebensraum für Einwohner die vom Heimatort zum Arbeitsplatz wechseln.
Die Bau- und Wohnverhältnisse bedurften fortwährend einer Veränderung und Erweiterung. Die 1. modernen Bürgerhäuser entstanden um 1900 am Dorfausgang nach Machern hinter dem Oberdorfteich. Diese Bauherren, des sogenannten „Villenviertels" waren schon mehr begütert und bauten schon „städtischer" (Familie Oswald Schmidt, Familie Stirn, Familie Otto Rösch und Familie Hesse). Letzterer war einige Jahre ehrenamtlicher Bürgermeister.
1933 -35 kam wieder eine Veränderung im Baustil des Ortes.
Der Siedlungsbau Neu Oeltzsche begann und wurde 1936 -1937 beendet.
Mit Unterstützung des Staates haben damals arbeitslose Familien ihre Häuser in dieser Siedlung gemeinsam gebaut. Dieser markante Baustil ist auch in den Nachbargemeinden Borsdorf, Beucha und Brandis zu sehen.
An der Brandiser Straße, südlich der Bahn, hat das Rittergut Brandis im gleichen Zeitraum ein Feldstück zur Einrichtung von Gartengrundstücken verkauft. Dort entstanden die jetzigen Wege: Flieder-, Rosen- und Dahlienweg. In den Jahren 1937-1939 haben als erste die Familie Kurt Haferkorn, anschließend dann die Familien Kurt Speck, Fritz Rische, Alfred Fischer, Kurt Prescher, Otto Zschauer, Alfred Mittank, Oskar Emmrich ihre Eigenheime selbst errichtet.
Die Altbauten an der Brandiser Straße sind nach deren Neubau um 1891 entstanden.

Die Namensentwicklung der Wüstung „Oeltsche"
Der Name „Olswicz" taucht das erste Mal im Lehnbuch des Meißner Markgrafen Friedrich II.
des Strengen vom Jahre 1349-1350 auf und befindet sich in der 12. Abteilung unter Nr. 6
Seite 65 unter den Lehen die dieser Markgraf an die Herren Rudolph und Günther von Bünau
gegeben hat. Wahrscheinlich wird das slawische „Olswicz" von 1350 dann schon „wüste Mark" gewesen sein. Es hat am Nordende der Flur von Gerichshain gelegen. Der „Steingartenteich" (heute Steingassenteich), der Drehsengraben bis zum Töpferweg (Verbindungsstraße Pehritzscher Weg – Cunnersdorfer Weg) waren die zentralen Mittelpunkte des ehemalig slawischen Dorfes. Slawen siedelten nur an Flussläufen und bewaldeten Niederungen. Urkundliche Erwähnung 1778 als „Olczkow" (wohl schon wüst) im Lehnbuch 1495 heißt es „Olchse, eine wuste dorff". Letztmalig wird die Wüstung 1516 genannt. Zeitpunkt und Ursache der Verödung sind unklar. Aus anderen historischen Berichten ist zu folgern, dass die Besiedlung zu dicht war. Die Bewohner des slawischen Dorfes zogen wohl mehr und mehr nach dem neugegründeten germanischen Gerungishain im 12. Jahrhundert.
Flurnamen, die bis heute noch bekannt sind: Oeltzschwiesen oder Eltschwiesen im sog. „Eltsch". Es sind die Flurstücke zwischen Steingassenteich, am Drehsengraben, Töpferweg, Cunnersdorfer Weg, Geringewiesen-Teich und „das Pfarrholz". Diese vorgenannten Flurstücke werden z. B. auch „Bornrenne" (hinter der Siedlung) genannt. Steingartenteich - heute Steingassenteich. Er wurde bis 1960 noch aus einem alten Brunnen und Drainagen gespeist.

Namensentwicklung der Wüstung Mark Drehsa
Sie erstreckte sich wohl südlich des Tresenwaldes bis zu den ehemaligen Auteichen, bis annähernd an die heutige Vermittlungsanlage der Deutschen Post am Plagwitzer Weg (Betonstraße). Erstmalig 1497 als „Holzmargk" im Lehnbuch bezeichnet, dann 1508 als „Dresemark" genannt und 1752 als „Driese" bezeichnet.
Namensentwicklung der Wüstung „Wehrbruch"
Es war ein kleines Wäldchen südwestlich des Ortes am Zweenfurther Weg, sowie am Kittelgraben und ist wohl dem Eisenbahnbau Leipzig-Dresden (1837/38) zum Opfer gefallen.
Urkundlich nachweisbare Veränderung des Flurnamens der Wüstung:


1335 – Bernebruch
1378 – Bergbruch
1390 – Birgbruch
1552 - Werprucher Mark

Auf Flurkarten erscheint auch der Name Berbrach als kleines Wäldchen. Es stammt durch schriftliche und mündliche Veränderungen vom Namen „Mark Wehrbruch" ab.
Funde aus dem Altertum der Wüstungen „Oeltzsche" und Mark Drehsa fortlaufende Nr.:
1579 - Steinbeil Jungsteinzeit Juli 1920 Oeltsche
1580 - Steinbeil Jungsteinzeit Juli 1920 Oeltsche aus Amphibolschiefer
1584 - Schuhleistenkeil Juli 1920 Oeltsche
1834 - Retuschierter Klingenabschlag Mark Drehsa 1937 1835 - unverzierte Scherbe Mark Drehsa
1836 - unverzierte Rundscheibe Mark Drehsa 4080 - Klingenschaber Mark Drehsa 1937
4081 - Klinge mit Gebrauchsspuren Mark Drehsa 1937
Angaben lt. Naturkundemuseum Leipzig



Flurnamen um Gerichshain lt. Erhart Kundisch
In verschiedenen, auch älteren heimatkundlichen Veröffentlichungen wird Gerichshain immer wieder als typisches Straßenangerdorf bezeichnet. In der Tat ist die klare Ortsanlage eines Kolonistendorfes am deutlich erkennbaren Ortskern noch heute sichtbar.
Wie die meisten Straßenangerdörfer der näheren Umgebung ist die Flur Gerichshains in Gewanne eingeteilt. Unter einem Gewann verstehen wir eine Gruppe nebeneinanderliegender streifenförmiger Äcker, an denen jedes Gehöft des Dorfes Anteil hat. Die gesamte Flur ist in mehrere solcher Gewanne unterteilt. Manche der noch heute bekannten Flurnamen deuten auf die Gewanneeinteilung hin. Die alten Namen vor dem Vergessenwerden zu bewahren, ist daher eine dankbare und wichtige Aufgabe der Heimatforschung, denn die Namen lassen wichtige Rückschlüsse auf gesellschaftliche Verhältnisse vergangener Zeiten zu.— Der Triftweg und die „Beuchaer Trift" (Trift = treiben) deuten auf eine alte, wahrscheinlich geringwertige Viehweide bzw. den Weg dorthin. Beim „Ochsenwinkel" könnte man auf einen Weideplatz für Ochsen schließen. Dieses Flurstück war für die Bullenhalter der Gemeinde bestimmt. Bei den Flurnamen die Vorderart und die Mittelart handelt es sich um mundartliche Bezeichnungen, die die Lage bestimmter Äcker angeben. Die Bezeichnung „Art" für Ackerland war früher weit verbreitet. Das Artfeld wurde zeitweise für Trift und Hutung geöffnet. Die unter Flurzwang stehenden Äcker wurden zu bestimmten Zeiten gepflügt, bearbeitet und abgeerntet. Man unterschied Winterart, Sommerart und Brachart.
Dieses „Pflugrecht" verhinderte die Willkür des Artfeldes in Wein- und Hopfengärten oder Wiesen. Der Zehn-Acker-Weg lässt vermuten, dass das dort liegende Gewann in zehn Äcker aufgeteilt war. Die Bezeichnung „Lehden" kommt aus dem Niederdeutschen. Allgemein bezeichnete man damit ehemaliges Nutzland, das später verwilderte. „Hintern Dorfgärten" sind die Äcker, die hinter den Gärten der Güter liegen. Der „Große und Kleine Anteich" bezeichnen Wiesenteile, in denen früher kleine Stauteiche lagen. Die Staudämme sind nicht mehr vorhanden. Die „Geringen Wiesen" liegen in einem Bachtal (Drehsengraben) mit schwach entwickelten Wiesenmooren.
Die „Bornrinne" auch „Bornrenne" genannt, born = niederdeutsche Form von Brunnen, kann wohl auf stärkere Wasserführung der Bäche zurückzuführen sein.
Die Formen mit „Dieb" führt man auf das slawische „Duba" = die Eiche zurück. Nach dieser Deutung wäre das „Diebstal" gleichzusetzen mit Eichental. „Das Birkchen" war ein Waldgebiet. Auf alten Kartenblättern noch eingezeichnet. Es zog sich von der Gerichshain-Panitzscher Straße bis nördlich des Dorfes hin.
Der Name „Pfarrholz" im gleichen Gebiet deutet auf kirchlichen Besitz. Das „Schwarze Feld" wird auf den ehemals dunkleren Waldboden des oben genannten Birkchens zurückzu führen sein.
Südlich des Dorfes liegen die „Strümpfer" oder auch „Strümpern" genannt. Nach Feststellungen verschiedener Heimatforscher sollten Strümpfer von Stumpf = Baumstumpf abgeleitet worden sein. Es handelt sich demnach um altes Rodungsland.
Schwierig dürfte die Deutung des „Lerchenberges" sein. Es ist offen, ob Lerchen (Vögel) oder Lärchen (Bäume) die Ursache der Namensgebung waren. Lärchenwälder waren diejenigen Flächen, die der niedern Jagd auf Kleintiere und Federwild dienten und dem Bauern freigegeben waren. Im Gebiet der „Fasanerie" (auf Flur Brandis) befand sich im vorigen Jahrhundert ein ganzes System von Stauteichen:
der große Cämmerey-Teich,
der große Galgenteich,
der Görichshaynerteich,
der kleine Cämmerey-Teich und
der Meistelteich.

Der Letztgenannte lag in Gerichshainer Flur. Deshalb die Flurbenennung „Möselteich" abgeleitet. Der Name selbst konnte noch nicht geklärt werden. Auch die Deutung der Flurnamen Jungfernlatz, Pletten, Kesselwiesen und Wachtelberg steht noch offen. Auch durch den Bahnbau sind einige Flurnamen zu den älteren hinzugetreten. Auf der Zweenfurther Flur sind es die „Bahnlöcher" auch „Hechtlöcher" genannt, die beim Bahnbau (Damm) ausgehoben wurden und jetzt Teiche sind. Südwestlich des Dorfes finden wir die „Alte Bahn". Es war der Übergang der alten Brandiser Straße über die Eisenbahn, ehe 1893 der neue Haltepunkt an der neuen Brandiser Straße geschaffen und in Dienst gestellt wurde. Östlich von Posthausen beginnt der Bahneinschnitt bei Machern. Dort wurde auch das obere Braunkohlenflöz angeschnitten. Da die ausgeworfene Erde zum Teil am Rande des Einschnitts aufgeschüttet wurde, entstanden dort kleine „Berge". Die braunkohlenvermischte Erde dürfte zur Bezeichnung „Schwarzer Berg" geführt haben.
Aus handschriftlichen Akten über die Güter von Gerichshain aus dem Jahr 1811 lesen wir weitere alte Flurnamen: An den Rüthgen, Im Dreesenfeld, Auf den halben Ackern, Im Oberland, Auf dem Rübenberge, Auf dem Obergewende, Auf den Vierruthen, Im Mittelfeld, Im Oeltzsch, In den Hofestädten, Im Steinfurthe, Zwischen den Dreesen Teichen, Am Galgenfleck, Am langen Graben und im Holz „Die Schwäden". Es gab noch nach Prof. Dr. H. Naumann: „Badeteich" (Eisenbahnbau), Buttersteig = Hägenweg, „die Kiefern" (standen bis 1960 am Abzweig B 6 nach Posthausen), „die Nudel" (Teich in Ortsmitte, ehemalige Kiesgrube), Gemeindeanger = Pflanzbeete 52 Stück.
Der Cunnersdorfer Teich ist unter dem historischen Flurnamen als Geringsteich bekannt. Der anliegende Verbindungsweg zwischen Cunnersdorfer Weg und Pehritzscher Weg hat den Flurnamen Töpferweg.
Aus Sachsens Kirchengalerie Bd. IX, Seite 154 und Bau- und Kunstdenkmäler des Königreiches Sachsen von Cornelius Gurlitt 19. Heft, Seite 74
Gerichshain
Kirchdorf, 10 km westlich von Wurzen
Kirche: 1784 -85 von Grund auf neu gebaut, rechtwinkeliger, nur gegen Osten im Rechteck geschlossener Bau ohne charakteristische Architekturform, bis auf den Thurm, dessen Entstehungszeit die Wetterfahne mit der Inschrift bekundet:
C. A. L. v. B. 1785 (Christoph August Leberecht von Bodenhausen).
Dazu das Bodenhausensche Wappen.
Über dem Westthore die Inschrift:
I. Reg. VIII 29
Herr, Laß Deine Augen offen stehen über dieses Haus Tag und Nacht
C. A. v. B.
Den 26. April 1784 ward der Grundstein zu diesem Gottes Hause gelegt.
Altar mit sehr hochstehender Kanzel in nüchternen Formen. Der 1784 noch erhaltene, von der älteren Kirche stammende mittelalterliche Altar ist verschwunden, darauf waren die Madonna und die zwölf Apostel in Schnitzerei dargestellt.
Die Kirche wurde 1879 nüchtern erneuert.
Glocken: Die Große von 1492, ca. 96 cm hoch, 110 cm weit.
Die Mittlere, 77 cm hoch, 101 cm weit, von 1609 ist verziert mit auf die Form aufgelegten und im verlorenen Guss nachgeformten Linden- und anderen Naturblättern.
Dazu das Wappen derer aus dem Winckel, ein Relief von 14 :17 cm Größe und vier die Evangelisten darstellende Plakette.
Mit der Umschrift: DEN EDLEN GESTRENGEN VND EHRENTVESTEN OSWALT AUST (!) DEN WINCKELL UF BRANTIS I ERB UND LEHNHERR ZU GERCHHAN ANNO DOMENI 1. 60. 9 I DURCH DAS FEWER BIN ICH GEFLOSSEN GEORG LEBZELTER ZU LEIPZIGK
HAT ER MICH GEGOSSEN ANN 1. 60. 9.
Die kleine Glocke, die eine unentzifferte Inschrift hatte, ist im letzten Kriege eingeschmolzen worden.
Hostiendose, Silber, oval bez. 1784 G.
Taufschüssel, Zinn, leicht graviert, 284 mm Durchmesser bez.:
Anno 1794. Die Kirche zu Gerichshayn Luc. 18. V. 16
Gemarkt mit Leipziger Beschau.

Kanne, Zinn, 176 cm hoch, 145 cm fußbreit bez.:
Verehret der Gast Wirt / Georg Krebes in die Kirche zu Gerischheyn Anno 1662 Ungemarkt

Bildnis des Samuel Schneider 1768
Auf Leinwand in Öl 56:71 cm messend. Sehr schwache Arbeit bez.:
M. Samuel Schneider Pastor zu Gerichshayn abgemahlt im 70. Jahre seines Alters 1768 (t 2. 9. 1777).
So sah er aus — Ihm fliess des Dankes milde Zähre!
Er, dieser Greis und Christ, war seines Amtes Ehre
Und unser Ruhm! Heil sei dann aller Seiner Saat,
Da er vor Gott nun auch die volle Aerndte hat.
Das Bild ist in der Kirche noch erhalten!
Aus historischen Dokumenten, die im sog. Knopf (Kugel unter der Wetterfahne) gefunden und von vielen Neugierigen des Ortes erwartet wurden.
Am 1.7.1997 begann die Rekonstruktion des Kirchturmes mit dem Abbau des Sternes, der Wetterfahne und des Knopfes — weiterhin Kugel genannt — sowie der Überprüfung der Festigkeit der Spille. Nach dem Öffnen der Kugel fanden wir ein handgeschriebenes Büchlein, noch gut leserlich mit altdeutscher Schrift und noch einige ältere Schriften, die man 1860 hinter einer Steinplatte über dem Westtore gefunden hatte. Diese waren leider kaum zu entziffern. Dem Chronist übertrug der Pfarrer Herr Blume die Übersetzung in die heutige Schrift.
Der damalige Pfarrer Leupoldt, von 1854-1895 hier im Kirchenamte tätig, benutzte ein überraschendes Unwetter am 19. Juli 1860 zum Anlass des Blitzschadens an der Kirche, um einige dörflichen Verhältnisse, damalige Wetterbedingungen, die Zahl der Einwohner und deren soziale Zusammensetzung für nachfolgende Generationen zu berichten.
„Es war am 19. 7.1860 früh als ein heftiges Gewitter über unserem Orte sich entlud, Leute, welche schon auf dem Felde waren konnten dies düstere Aussehen, der langsam, unter unaufhörlichen Rollen des Donners heranziehenden Wolkenmassen nicht drohend genug beschreiben. Aber auch die, welche z.Z. noch nicht das Haus und die Stube verlassen hatten, erhielten Anzeichen genug, daß ein schweres Unwetter sich nahe. Denn statt lichter ward es immer finsterer und gegen 7.00 Uhr des Morgens war es so dunkel, daß ich selbst am Fenster im Pfarrhaus nicht gut lesen und schreiben vermochte. Da auf einmal umleuchtete uns ein Wetterschein, daß wir erschracken, um so mehr, je unerwarteter er kam und im selben Augenblick krachte auch der Donner. Das war ein Schlag ganz in der Nähe. Hoffentlich nicht in unserem Hause. Nein, den Kirchturm hat es getroffen und zum Teil das Kirchen¬schiff. Im Kirchhof lagen unzählige Dachschieferstücken und weitere folgten vom Thurm und aus der unteren Thurmhaube, nahe der Durchsicht, stieg eine sanfte Rauchsäule auf." Das Westtor war stark beschädigt, ebenfalls der Torbogen und der Putz auf großer Fläche in Mitleidenschaft gezogen. Der Maurermeister Vogel, der Schmied, der Kirchendiener und Bälgetreter (Orgel) und der Gemeindevorstand waren sofort zur Hilfe bereit. Die Feuerspritze stand schnell gefüllt auf dem Gottesacker. Sie wurde, dann nicht gebraucht. Es war ein kal¬ter Blitzschlag. Es kam nicht zum Feuer. Reichlich Glas und Kalkputz ging zu Bruch. Turm¬dach, Stern, Wetterfahne, Kugel und die Uhr waren beschädigt. Unter erschwerten Bedin¬gungen mußten die Metallteile der Turmspitze getrennt und mit Hand abgeseilt werden. Eine harte und äußerst gefährliche Tätigkeit zur damaligen Zeit.
„Das Herablassen der Kugel gelang viel besser als das der Wetterfahne. Alle anwesenden neugierigen Bürger drängten sich um die herabkommende Kugel, nicht bloß erstaunt über seine erstaunliche Größe, sondern auch begierig irgend eine Nachricht in ihr aufbewahrt zu finden. Aber der ganze Raum war leer. Nicht eine Spur schriftlicher Aufzeichnung in ihm wahrzunehmen, worüber allgemeines Bedauern entstand. Hierdurch hauptsächlich habe ich mich bewogen gefühlt diese Notizen niederzuschreiben und in die Kugel hinzulegen. Damit unsere Nachkommen, bei irgend einer späteren Abnahme dieser sich in Erwartung doch nicht gänzlich täuschen.
Das bei der Kugelabnahme unbefriedigte Verlangen nach irgendwelcher Nachricht aus der Zeit des Kirch- und Thurmbaues hatte etliche aus der Gemeinde auf den Gedanken ge¬bracht. Es könnte vielleicht hinter der über der westlichen Kirchenhauptthüre an der Thurm¬mauer angebrachten steinernen Gedenktafel eine Urkunde liegen. Auf ihr Ansuchen nahm der Ziegeldecker einen oder zwei Ziegel heraus und richtig, es war hinter der Tafel eine ziem¬liche Höhlung, in welcher manche Urkunde Platz hatte. Sie war auch nicht ganz leer. Sonn¬abend, den 22. September unmittelbar nach Mittag brachte der Ziegeldecker seinen Fund zu mir. Nämlich 2 hölzerne, jedenfalls weiß grundiert gewesene Figuren, eine männliche und eine weibliche. Letztere in Nonnentracht, während man der ersteren den Mönchstand weni¬ger ansah und außerdem noch ein handgeschriebenes Büchlein. Welches man merkwürdi¬gerweise, um nicht zu sagen thörichterweise, nur in zwei ganz gewöhnliche Birkenrinden gelegt hatte, daher es dann gekommen war, daß das Büchlein zu 5/6 trotz der sehr gut geschriebenen Hand nicht mehr zu entziffern war.
Verfasser es Büchleins war, aus der Handschrift schon erkenntlich, der zur Zeit des Kirchen¬baues hier fungierende Pastor, mein zweiten Amtsvorgänger Herr Friedrich Traugott Weiner und zum Inhalt hatte es wirklich mancherlei Notizen über den Bau selbst und allerlei Vorgän¬ge der damaligen Zeit. Ebenso ein Verzeichnis der früheren Prediger an hiesiger Kirche, der Gemeindeglieder, oder wenigstens doch der Begüterten und eine Zeichnung sowohl von dem äußeren, als inneren Aussehen der alten Kirche. Die Bruchstücke davon habe ich alle¬sammt sorgfältig aufbewahrt und meinen Notizen beigelegt. Die beiden Holzfiguren habe ich wieder an ihren Ort hinter der Gedenktafel stellen lassen. Habe aber auch einige Notizen über die jetzige Reparatur, deren Ursache und unserer Zeit überhaupt in die Kugel gelegt. Dies denen zur Nachricht, welche dereinst wieder neugierig sich herdrängen sollten, wenn die Kugel, welchem ich diese Schrift bestimmt habe, wieder herabgelassen werden wird. Um ihretwillen wünsche ich auch, daß dann Moder und Zeit dieselben nicht ganz unleserlich gemacht haben mögen."
„Kugel und Wetterfahne waren von Kupfer. Letztere mit starker Eiseneinfassung und einem Eisenballen am Ende. Jedenfalls dazu dienend das Gleichgewicht herzustellen. In ihr standen deutlich zu erkennen die Buchstaben C. A. L. v. B., welche bedeuten Christoph August Leberecht v. Bodenhausen, den vollständigen Namen des damaligen Patronatsherren von Gerichshain und Besitzer der Brandiser Herrschaft, welcher sich um den Bau unserer Kirche viel gekümmert und ihr mehr wie ein dankenswertes Geldgeschenk dabei gemacht hat. Jedenfalls hat er die Wetterfahne aus eigenen Mitteln machen lassen. Denn sie war sehr massiv und dauerhaft gearbeitet und die aus starkem Kupferblech (1 Zentner = 50 kg) bestehende Fläche war ganz vergoldet gewesen, ebenfalls auch der Stern. Früher hatten wir immer geglaubt die Eisenspille, auf welcher Kugel und Fahne sitzen, wäre locker und es sei zu fürchten, daß namentlich Letztere einmal vom Sturm herabgeschleudert würde. Die nähere Besichtigung hat aber die vollkommene Grundlosigkeit dieser Befürchtung nachgewiesen. Da die Spille eisenfest und von einer 4 Zoll Stärke war, wie kaum an einem der höchsten Thürme. Ebenso stellt sich heraus, daß der Blitz die Fahne nicht so schwer beschädigt hatte, als man anfangs fürchtete. Nur einige Nieten am Eisenrande waren losgegangen und an der Kugel war keine Beschädigung." Anmerkung des Chronisten:
1934 stürzte bei einem Sturm die Fahne urplötzlich in den Kirchhof ab. Die Mechaniker- und Fahrradwerkstatt Wilhelm Polster fertigte nach dem alten Muster eine ebenbürtige Fahne mit dem Zusatz eines Hakenkreuzes (Nazis) an. Nach dem 2. Weltkrieg entfernte ein Dachdeckermeister aus Brandis dieses unheilvolle Runenzeichen, daß sehr verhasst war.
Fortsetzung von Auszügen der Niederschrift des Pfarrers Gustav Adolph Leupoldt, 1860 geschrieben für die Nachwelt, in der Turmkugel am 1. Juli 1997 gefunden.
„Unser Dorf Gerichshain zählt jetzt höchstwahrscheinlich 460 Bewohner, bei Zählung am 1. Dezember 1855 genau 448 und besteht aus Kirche, Pfarre, Schule und 66 Wohnhäusern, deren Besitzer er aufführte. Unter den 66 Wohnhäusern ist ein Geleithaus = Einnahme von Straßenzoll im Besitz des Rittergutes Brandis bis 1876."
Die gegenwärtige Patronatsherrschaft hatte Rittergutsbesitzerin Frau Friederike Ernestine verw. Baronin von Pentz.
Bis zum 1. 6.1856 war die Patronatsherrschaft zugleich auch Gerichtsherrschaft.
Wann Gerichshain lutherisch wurde ist nicht genau bekannt (um 1539). Danach fand die Gründung der hiesigen Pfarrstelle statt. Der damalige, der Reformation sehr geneigte und wohltätige Gutsherr, gab dem neuen Pfarrer das Pfarrgut und noch reichlich Deumsgabe (Abgabe der Bauern an die Kirche).
Der 1. protestantische Pfarrer war Johann Deichmann, 1558-1561 hier tätig. Es folgten bis zum Pfarrer Gustav Adolph Leupoldt 1854-1895 hier tätig noch 10 Pfarrer.
Bei den Herren Lehrern bzw. Kantoren sind mit Gregor Tiegel 1615 die ersten Aufzeichnungen zu finden. Ihm folgen bis ca. 1918 ebenfalls 10 Kantoren. Die letzten 2 waren bis dahin Herr Wenzel und Herr Zschockelt. Ihnen folgte als Kantor Friedrich Knoll.
Die Zahl der Schulkinder ist 1860 zu Neujahr 83 nämlich 47 Knaben und 36 Mädchen, welche in 2 Klassen geteilt sind. Das Leben und Treiben im Ort lag in den Händen von
1 Gemeindevorstand (heute Bürgermeister), 2 Ortsrichter, 5 Gemeinderäte, 2 Kirchväter,
2 Gerichtsschöppen. Das gegenwärtige Pfarrhaus (1860) ist seit 1779 erbaut. Die Schule etwas später.
1833 brach nach etwa 27 Jahren wieder Feuer im Gute Nr. 27 (heute Klösel) aus. Die Güter Nr. 26 (heute Reißmann) und Nr. 28 (heute Dürrlich) wurden mit eingeäschert.
1836 brannte das Gut Nr. 13 (heute Erbgemeinschaft Albrecht) und zum Teil das Gemeindeschenkhaus (heute „Zur Kastanie"). Ebenso wenig als von Feuersnot, haben wir an Wassernot zu leiden gehabt. Nur 1859 in Folge der anhaltenden Dürre versiegten sämtliche Brunnen. Unter anderen auch der sonst so stark quellende Kirchbrunnen.
1854 ein sehr nasses Jahr. Durch wolkenbruchartigen Regen und damit verstopften Gräben wurde die Südseite des Dorfes überschwemmt. Die Parthe überflutete Straßen und Brücken und unterbrach jegliche Verkehrsverbindungen. Die Mulde überschwemmt gewaltig Deuben und Bennewitz und reißt die Chausseebrücke weg.
1858 am 1. + 2.8. bringt das Hochwasser der Mulde dem Umland sehr großen Schaden. Die gewaltigen Fluten reißen die neue Eisenbahnbrücke bei Bennewitz gänzlich weg und reichen bis zur Landstraße bei Altenbach.
Die Eisenbahnverbindung zwischen Wurzen und Leipzig wurde unterbrochen. Deshalb mussten die ehemaligen Pferdepostwagen wieder in Dienst.
1857 erheblicher Schaden durch Schloßenunwetter reichte von Panitzsch bis Kühren. Damals hielt man so ein Unwetter für eine große Seltenheit. Handhoch lagen die Schloßen.
am 3. 8. war ein sehr dichter Hagel mit viel Sturm niedergegangen. Es war eine sehr dürftige Korn-, Kartoffel- und Krauternte im selben Jahr gewachsen. 150 Fenster der Kirche zerschlugen die großen Hagelkörner.
Es gehörte demnach das Jahr 1859 bis zu der Ernte 1860 vielleicht zu den Bedrängtesten, welches unser Dorf zu bestehen hatte. Eine reiche Ernte 1860 stand an. Zu Beginn der Ernte setzte unaufhörlicher Regen ein. Alle Kulturen hatten während der Ernte darunter zu leiden. Über 60% der Halmfrüchte waren für den menschlichen Verzehr ungenießbar und damit hohe Verluste für die Bauern und Handwerker.
Dann kam am 27. 8. ein noch nicht erlebtes furchtbares Schloßenunwetter dazu. Es reichte von Korbetha bis Oschatz. Es prasselten wahre Klumpen von Eis vom Himmel (250 bis 300 g schwer). Die Dächer und Fenster auf den Westseiten der Häuser der Stadt Leipzig und umliegender Orte wie bei uns waren z. T. zertrümmert (vor allem Kirchen und Schulen). Der Schaden war unübersehbar.
Auf den Feldern, auf dem immer noch mancher Ernterückstand war als Hafer, Erbsen und Wicken, konnte man nicht mehr die Fruchtart erkennen. Das Grummet auf den Wiesen war unbrauchbar geworden und die gesamte Erdfläche mit unzähligen Löchervertiefungen überdeckt. Der Rasen war förmlich abgeschält. Die Kartoffeln waren durch die viele Nässe und durch Braunfäule unbrauchbar. 16 Jahre war die Braunfäule nicht aufgetreten. Die Fäule war in den Lagerstätten (Mieten, Keller) nicht aufzuhalten.
Am Ruin etlicher Bauern hatten wir große Sorgen.
Am 31.10.1860 Reformationsfest und Kirmse (Kirchweihfest) fand das Heraufziehen des Knopfes (Kugel), Fahne und Stern wechselseitig statt und das 16 Wochen nach dem Blitzschlag. Es war damals mit Handarbeit eine unvorstellbare kurze Zeit.

Die weitere historische Entwicklung
unseres Heimatortes Gerichshain im 20. Jahrhundert

Von Klaus Eilenberg
Mitte der 20er Jahre konnte deshalb nationalsozialistisches Gedankengut aufkommen und fand sehr schnell, trotz Warnung der politisch linken Parteien, der Kirchen u. a. Verbreitung. Gegen Letztgenannte gingen die Nazis später mit Terror und Konzentrationslagern vor. Das wahre Ziel der Nazis, einen neuen Weltkrieg vom Zaune zu brechen erkannten die meisten Bürger zu dieser Zeit noch nicht. Viele Personen aus allen Schichten der Bevölkerung folgten der braunen Partei und deren verhängnisvollen Ideen. Auch in unserem Heimatdorf bekamen die Nazis am Anfang erhebliche Zustimmung, da deren folgende verwerfliche Politik von Diktatur und Terror noch nicht im Vordergrund stand. Die SPD und die konservativen Parteien (Deutsch-Nationale und Zentrum) stellten immer nach den Wahlen in der „Weimarer Zeit" die Gemeindeverordneten. Nach der Machtübergreifung der Nazis 1933 wurden nach und nach alle anderen Parteien und Gewerkschaften verboten.
In Gerichshain war bis Ende des 1. Weltkrieges 1918 der Bauer Oswald Rühlmann (ehem. Gut 55 + 56, zuletzt Mühlpford) ehrenamtlicher Bürgermeister. Die ersten Wahlen zur Weimarer Republik ergaben im Ort die meisten Stimmen für die konservativen Parteien. Herr Hesse wurde zum 1. besoldeten Bürgermeister gewählt. Herr Bürgermeister Johannes Gläser, parteilos, löste ihn 1927 ab. Seinem progressivem Wirken hat Gerichshain sehr viel zu verdanken. Mit Übersicht und Blick für die Zukunft hat er viel Soziales und Bauliches im Ort verändert und geschaffen. Seine Persönlichkeit strahlte positiv aus und fand unter den Einwohnern Anerkennung. Er musste ab 1943 als Soldat Kriegsdienst leisten und kam erst 2 Jahre nach Kriegsende wieder nach Hause. Das Bürgermeisteramt war zu dieser Zeit durch den Kommunisten Genossen Erich Spitzeck besetzt.
Während der Amtszeit von Herrn Bürgermeister Johannes Gläser sind die 2 Gemeindehäuser, Brandiser Straße 6 + 8, entstanden. Im Mietshaus Brandiser Straße 6 war das 1. Bürgermeisteramt untergebracht seit 1928-1974. Im letztgenannten Jahr zog das Bürgermeisteramt um in den ehemaligen Bauernhof Max Eilenberg (ehemalig Nr. 44). Herr Johannes Gläser förderte ganz erheblich den Bau der heutigen Siedlung „Neu Oeltzschau", auf der ehemaligen Wüstung von 1350 „Olswicz" am Pehritzscher Wege. Es wird die Flur heute noch der „Eltzsch" genannt. Das sind die Feld- und Wiesenflächen zwischen Siedlung, Steingassenteich und Drehsengraben (heute fälschlich „Wachtelgraben" genannt). Das ist nach zu lesen in der handgeschriebenen „Chronik 1349-1933" von Herrn Walter Dämmich.
Für 2 kinderreiche Familien, Busch und Bachmann, verschaffte Herr Gläser und die Gemeindeverordneten mit dem Bau des Gemeindehauses Alte Brandiser Straße 18 + 20 (früher Kataster Nr. 64e + 64d) neue Wohnungen. Außerdem hat er die heutige Besiedlung der Lindenstraße und des Buchenweges mit der Anlegung eines Kleingartenprojektes 1938 laut Grundbuchunterlagen mit Kirchen- und Schullehn geplant und vorbereitet.
Als 1933 -1934 das Geleithaus „Alte Einnahme" an der Pfarrwiese (ehem. „Wüster Garten" um 1600-1650) am westlichen Dorfende wegen Straßenbegradigung durch den Reichsarbeitsdienst zum Abriss kam, stellten die Gemeindeverordneten auf Ersuchen des Bürgermeisters Johannes Gläser das Gemeindegrundstück 129f zum Bau eines gemeindeeigenen Wohnhauses Brandiser Straße 1 zur Verfügung. Die ehemaligen Bewohner der „Alten Einnahme" wohnten fortan dort bis zum Ende des 2. Weltkrieges. Es waren die Familien Müller und Pallutscheck. Nach einem Umbau zog in den 1. Nachkriegsjahren der 1. Kindergarten ein. Der Bürgermeister Johannes Gläser förderte ebenfalls die 1. Besiedlung des Flieder-, Rosen- und Dahlienweges. Dort sind die ersten Eigenheime im individuellem Eigenheimbau 1936-1940 gebaut worden. - In der Anfangszeit der Nazidiktatur, sog. „3. Reich" kamen die Bauern durch bestimmte Gesetze (Entschuldung, Reichserbhofgesetz) zu mehr wirtschaftlicher Sicherheit. Der gute bis sehr gute Absatz landwirtschaftlicher Produkte (Fleisch, Milch, Gartenbauerzeugnisse) gaben den Bauern, Gärtnern und damit auch Handwerkern Sicherheit in ihrem ökonomischen Handeln und die rasche Zunahme der nicht landwirtschaftlichen Bevölkerung hatten zur Folge, dass Handwerk, Handel, Landwirtschaft und Gartenbau eine ökonomisch gutgehende Einheit bildeten.


Folgende Handwerke und Gewerbe bestanden vorm 2. Weltkrieg:

Fleischerhandwerk mit Laden • Willi Becker vorm. Emil Schulze - Wittig • heute Gerhard Däberitz Kataster Nr. 34
Fleischerhandwerk mit Laden • Eduard Staudte - Georg Staudte Kataster Nr. 28
Stellmacherei Franz Pietsch - Ewald Pietsch • heute Holzspielzeuge u. a. Handel Kataster Nr.43 b
Schusterei • Alois Havel Kataster Nr. 69e
Schusterei • Oskar Naumann, nebenbei Trichinenschau Kataster Nr. 48g
Bäckerei u. Kolonialwarenladen • Kurt Hauck später E. Keller, dann Thomas, heute Besitzer Gey Brandis Kataster Nr. 43 c
Bäckerei und Kolonialwarenladen • Richard Geißler „Ätz", später Keller Kataster Nr. 11
Kolonialwarenladen • Albin Schönberg, Fisch- und Milchprodukte, Gemüse und Kohle Kataster Nr. 48 E
Butterhändler, Quark, Käseherstellung • Otto Schönberg Kataster Nr. 2
Kolonialwarenladen Minna Havel Kataster Nr. 61
Frisörgeschäft • Hermann und Curt Beutel Kataster Nr. 71 b
Viehhändler und Schlachtung • Paul Bockelmann Kataster Nr. 70
handbetriebene Wäscherolle und Schneiderei (Damen) • Erna Zörner Kataster Nr. 71 b
Tabakgeschäft • Else Dürrlich – Hermann Kataster Nr. 27
Schneiderin • Ida Hansmann Kataster Nr. 27
Heuhändler und Bauer Robert Weber Kataster Nr. 37
Mechanische Werkstatt und Tankstelle • Wilhelm Polster • Fahrrad, Auto, Motorrad Kataster Nr. 4b
Steinmetz für Grabsteine • Gebrüder Fischer (Kurt Fischer) Kataster Nr. 95J
Sattlermeister • Gerhard Goldbach Kataster Nr. 60
Tischlerei und Bestattung • Armin Göbner vorm. Oswald Schmidt Kataster Nr. 31 L
Schmiedemeister Kurt Altner vorm. Richard Seifert Kataster Nr. 17
Baumeister und Bauunternehmen • Otto Koch Kataster Nr. 72
Uhrmacher (Leipzig) • Martin Berthold Kataster Nr. 31 P
Malermeister • Heinrich Fenker Kataster Nr. 133
Viehhändler • Max Seibt Kataster Nr. 33
Poststelle • Max Schreyer Kataster Nr. 62 b
Kohlenhandel Oskar Rothe Kataster Nr. 16

Gaststätten:
Gasthof Gerichshain • Carl Roux Kataster Nr. 49
Restaurant Zörner • Otto Zörner Kataster Nr. 31
Restaurant zur Eisenbahn • Berta Weber (Theodor und Kurt) Kataster Nr. 69

Gärtner:
1 Gärtnerei - Meister Edgar Barth Kataster Nr. 66
1 Gärtnerei - Meister Kurt Güther Kataster Nr. 69T
1 Gärtnerei - Meister Friedrich Thielemann Kataster Nr. 74
1 Gärtnerei - Meister Carl Thielemann Kataster Nr. 31d
1 Gärtnerei - Meister Wilhelm Schwan 1 Gärtnerei Zschiesche später G. Zschiesche Kataster Nr. 59
1 Gärtnerei liegt brach, Posthausen Walter Nollop, Musiklehrer Kataster Nr. 67c

Nachfolgend Bauerngüter:
nördlich B 6
Fritz Michel Nr. 7
Rudolf Schmidt Nr. 8
Erich Rindfleisch Nr. 9 + 10
Alex Forwerg Nr. 12
Kurt Albrecht Nr. 13
Felix Müller - J. Weiland Nr. 14
Walter Bley Nr. 15
Oskar Rothe Nr. 16
Felix Naumann Nr. 18
Kurt Bley - Irma Bley Nr. 22
Louis Bamberg, verpachtet Nr. 23
Heino Donner Nr. 24
Paul Fischer Nr. 25
Heinz Klösel Nr. 26

südlich B6
Alfred Winkler Nr. 36
Robert Weber Nr. 37
Horst Scharf Nr. 38
Kurt Bley - Irma Bley Nr. 22
Hermann Klöthe-Oertelt Nr. 40
Albert Klemm Nr. 41
Willy Klinge Nr. 42
Max Eilenberg Nr. 44
Martin Albrecht Nr. 52
Arthur Schilde Nr. 53
Walter Mühlpfordt Nr. 55



Zur Unterstützung ihrer bäuerlichen Wirtschaften hatten die Bauern unseres Heimatdorfes,
nach dem 1. Weltkrieg, mit dem Aufkommen der Inflation, sowie krimineller Grund- und Finanzspekulationen, einen Spar- und Darlehnsverein gegründet. Mit billigem Darlehn und anderen gegenseitigen Hilfen untereinander, konnten sie Futtermittel, Kunstdünger, Saatgut und Pflanzkartoffeln ohne Handelsspanne zum Großhandelspreis kaufen. Außerdem half der Verein beim kostengünstigen Absatz der ländlichen Produkte. Jedes Jahr, im Frühjahr und im Herbst, haben diese Vereine oder umliegende ähnliche landwirtschaftliche Handelsgenossenschaften in Brandis Viehmärkte abgehalten. Dort wurde lebhafter Handel noch mit Handschlag betrieben. — Dazu gab es für die Bürger der Umgebung Brandis zu gleichen Jahreszeiten einen für damals interessanten und ansprechenden Jahrmarkt. Der Töpfermarkt am Kirchplatz, der Markt und die Hauptstraße waren das Zentrum. Viele Handwerker und Händler boten in ihren Verkaufsständen Waren des täglichen Bedarfs an. Losbuden und Zeltgaststätten mit vielen Sitzgelegenheiten, die zum Essen und Trinken einluden, waren immer gut angenommen. Ebenso die Gaststätten wurden von der Landbevölkerung aus den Nachbardörfern zwecks Information und Belustigung reichlich besucht. Die Jahrmärkte belebten den tristen schweren Alltag auf dem Lande und gehörten zum Jahresablauf. — Die Schausteller und Händler kamen teilweise aus dem Erzgebirge mit handgearbeiteten Waren (Spielzeug, Besenbinder, Schnitzereien und Töpferwaren). Wir Kinder wanderten zu Fuß zur Jahrmarktsbelustigung mit 1 Groschen (10 Pfennig) oder bis zu einer Reichsmark in der Tasche. Mehr Geld gab es nicht von zu Hause. Reitschule, Luftschaukel, Lose ziehen zum Gewinn und Süßwaren waren unsere Belustigungen. Der damals so berühmte „Türkische Honig" hat uns immer gut geschmeckt.
Werbung Radio Jäger zum Jahrmarkt:

Das Jahrmarktsleben und -treiben war anheimelnd und sehr beliebt unter der damaligen Bevölkerung. Natürlich waren, wie teilweise schon beschrieben, die Geschäfte und Gaststätten für den zahlreichen Publikumsverkehr geöffnet. Dabei kam auch die Unterhaltung über Neues aus der Umgebung und das Wiedersehen nach langen Arbeitswochen nicht zu kurz. Denn zu dieser Zeit gab es kaum Telefon, Radio und kein Fernsehen. Das Fahrrad konnten sich nur wenige leisten.

CHRONIK 1350 - Oeltzsche - 1933
Von Klaus Eilenberg
Vorbemerkung aus Drehsdnischen Gelehrten Anzeigen aus dem Jahr 175
Zitat: „Gerichshayn, ein Leipziger Amtsdorf bis es 1516 an Rudolph von Bünau, Ritter u. Hofmeister auf Brandis, von Herzog Georgen zu Sachsen käuflich überlassen worden ist. Kaufbrief eines vollstendigen Erblichen Kaufs, verkauft haben das Dorff Gerichshayn ... mit Gerichten Obersten u. Niedersten über Hals und Handt in Felde u. Dorffe, darzu die Halsgerichte, auch Erbgerichte auff den wüsten Marken Kohnsdorf (Cunnersdorf), Posthausen, Oeltzsche und ... einen Huffen zu Werpach und einen Garten daselbst ..."
Der Oeltzsch wird hier noch jetzo ein kleines Gehöltze genennt welches bey dem Dorfe Mitternachtswerts liegt. Vor Alters hat hier auch ein kleines Dorf gestanden. Man findet auf denen dabey gelegenen Wiesen noch einige Merkmale, davon daß vormals daselbst Keller u. Blumen gewesen sind. Man hat es auch ehedem bey solchen noch einiges Gemäuer wahrgenommen, welches nun weggeräumt worden ist. Die innerhalb des Gehöltzes liegenden fruchtbaren Felder haben noch Gartenrecht wegen derer sonst hier gewesenen Gärten, die zu dem Dorfe gehöret haben, so das sie alle Jahre genutzet werden können, weil sie nicht Brache liegen und zur Viehhut leer gelassen werden dürfen.
Herzog Georg zu Sachsen übergibt Herrn Rudolph von Bünau das Leipziger Amtsdorf Gerichshayn für eine Kaufsumme von 575 fl. (Gulden) II gr. (Groschen) II pf. (Pfennig)."
Aus den Akten Orts- u. Flurfom
Zitat: In einem alten Flurbuch von Gerichshain aus dem Jahre 1748 heißt eine kleine Abteilung „im Oeltzsche" die nur 8,5/8 Acker hält und meist aus Feld besteht. Sie ist nicht wie die übrige Flur nach den 3 Arten der Dreifelderwirtschaft gegliedert. Eine zweite Abteilung in denselben Flurbuche heißt: „durchn Oeltzsch" hält 2,1/2 Acker Wiese. Westlich von diesem Flurstück liegt „das Richterholz" oder auch „die Steingasse" genannt. Eine dritte Abteilung in unmittelbarer Nachbarschaft heißt: „in der Steingasse" und hält 1,25/32 Acker Feld. Die 3 genannten Abteilungen lagen direkt an dem Platze, wo der heutige Steingassenteich sich befindet. Wahrscheinlich wird das „Olswicz" von 1350 damals schon eine „wüste Mark" gewesen sein. Die Bewohner waren Sorben und sind im Dorf Gerichshayn aufgenommen worden.

Zitat: Die Reichsregierung hatte im Jahr 1932 den „Vorstädtischen Kleinsiedlungsgedanken" angeregt. Daraufhin schlossen sich am 15. Juli 1932 16 Siedler von Gerichshain zur Errichtung einer solchen zusammen. Die Arbeitslosenziffer stieg von Jahr zu Jahr und hätte sich zu einer Katastrophe ausgewirkt; durch das Siedeln sollte der Arbeiter krisenfest gemacht werden.
Am 15. Juli 1932 war es im Gasthof Gerichshain - Inh. Martin Dietze - im Vereinszimmer wo ein Vertreter des „Allgemeinen Sächsischen Siedlerverbandes " einen Vortrag über die Ziele der vorstädtischen Kleinsiedlung hielt. Die Siedler - Otto Schütze, Paul Bäßler, Karl Mehle, Michael Bohn, Fritz Estel, Walter Dämmich, Rudolf Reck, Otto Kühne, Felix Hosang, Felix Müller, Otto Müller, Otto Nicolaus sen., Richard Eger, Albert Pross, Max Kaczmareck und Walter Bormann schlossen sich dem Siedlerverband an u. gründeten eine Ortsgruppe. Vorstand, Stellvertreter, Kassierer u. Schriftführer wurden gewählt.
1. Vorstand Walter Dämmich Kassierer Karl Mehle
2. Vorstand Michael Bohn Schriftführer Walter Bormann
Da die Gemeinde kein Land besaß nahm der Vorstand mit der Kirche wegen Landkauf Fühlung. Die Landabgabe wurde aber durch den Herrn Pfarrer abgeschlagen. Darauf wurde beim Baron von Pentz auf Rittergut Brandis angefragt. Dort hätte die Gemeinde 71/, Acker nahe an der Fasanerie u. der Straße Gerichshain-Brandis für 4000 Reichsmark kaufen können. Doch die Gemeinde lehnte wegen Geldmangel ab. Kredit durfte keiner aufgenommen werden.
Ein Einwohner machte uns auf den Bauern Albert Klemm aufmerksam, der in der Nähe des Tresenwaldes Land abgeben wollte. Die Verbindung mit ihm wurde aufgenommen. Herr Klemm sagte auch zu. Der Vorsitzende Herr Walter Dämmich begab sich nach Grimma zum Bezirksverband. Dort wurde ihm erklärt: die Eingabe auf Siedlungsstellen müßte von der Gemeinde gemacht werden. Herr Bürgermeister Johannes Gläser, dem dies mitgeteilt wurde, berief eine Gemeindeverordnetensitzung ein. Dort wurde über die „Vorstädtische Kleinsiedlung" gesprochen und einstimmig für die Eingabe eines Darlehens zur Errichtung einer Siedlung gestimmt. Es wurde ein Antrag auf 15 Stellen eingereicht. Das Flurstück, auf welchem die Siedlung errichtet werden soll, heißt im Volksmund „Die Oeltzschwiesen". Durch das Sächsische Haupt-Staatsarchiv Dresden wurden uns geschichtliche Nachrichten übermittelt und wir erfuhren, daß der Ort „Oeltzsche" noch im Jahre 1349 dort gestanden hat und dann „wüste Mark" wurde.
Nach monatelangem Warten u. durch direkte Fühlungsnahme mit den Behörden sahen wir ein, daß der Verband zwecklos ist, deshalb kehrten wir ihm den Rücken. Die Siedler Bormann und Preß mußten ausscheiden, da nur Erwerbslose u. Kurzarbeiter berücksichtigt werden sollten. Es wurde dafür Otto Nicolaus jun. u. Karl Zille eingereiht. Am 12. Januar 1933 wurde ein Brief an das Reichsamt für Arbeitsbeschaffung geschrieben u. am 20. Januar wurden folgende Zeilen in der Presse veröffentlicht:
In Gerichshain haben sich 16 Siedler zusammengeschlossen zur Errichtung einer Randsiedlung. Auf dem Gelände, wo die Siedlung errichtet werden soll hat im Jahre 1345 -1350 eine sorbische Bauernsiedlung - „Oeltzsche" gestanden u. nach diesem Ort soll die neue Siedlung benannt werden. Die Amtshauptmannschaft Grimma, das Sächsische Hauptstaatsarchiv in Dresden, das Seminar für Landesgeschichte u. Siedlungskunde an der Universität Leipzig, sowie der Landesverein Sächsischer Heimatschutz in Dresden haben großes Interesse, daß die Siedlung nach dem früheren Ort genannt wird.
Mehrmals wurde die Verteilung der Siedlerstellen angemahnt. Am 26. 4. 1933 sicherte der Amtshauptmann Dr. Etienne demnächst die Verteilung zu. 12 Siedlerstellen wurden am 30. 4. 1933 zugesichert. Es wurde von der Amtshauptmannschaft das „Sächsische Heim" als Siedlungsträger bestimmt. Dort mußten die Namen der Siedler gemeldet werden. Herrn Reichspräsident von Hindenburg wurde das Modell eines Siedlungshauses mit Begleitschreiben gesandt. Wofür er sich bedankte. Einer Bestimmung nach durften nur Siedler von 2 Kindern aufwärts berücksichtigt werden. Diese Bestimmung erfüllten nur 8 Siedler. Deshalb mußte nochmals eine Ausschreibung erfolgen. Neu aufgenommen wurden danach Herbert Papst und Malermeister Heinrich Fenker. Von den 16 Bewerbern mußten 4 enttäuscht zurücktreten. Nur 12 Stellen waren genehmigt.
Das „Sächsische Heim" schlug einen Haustyp vor der in Zschöllau schon zur Ausführung gelangte. Einige Siedler fanden den Typ gut, doch ländliche Anforderung genügten nicht. Heuboden zu klein u. Geräteschuppen fehlte. Danach Besichtigung in Dahlen. Man war dort sehr erstaunt, wie es möglich war für das Geld ein so großes, schönes Haus zu bauen. Es wurde wegen nicht genügend Geld abgelehnt. Nach einigen Hin u. Her erklärte sich der Architekt Alfred Bischoff aus Leipzig bereit ein Doppelhaus, größer u. schöner als das des „Sächsischen Heimes" für dasselbe Geld herzustellen. Der Amtshauptmann sollte die Sache regeln. Doch das „Sächsische Heim" blieb auf seinem Standpunkt. Worauf die Angelegenheit dem Arbeits- und Wohlfahrtsministerium in Dresden übergeben wurde. Die Siedler wurden abgewiesen. Der Vorsitzende Herr Walter Dämmich ließ es sich aber nicht verdrießen mit seinem „Tretrad" selbst dorthin zu fahren u. beim Ministerium u. beim „Sächsischen Heim" vorzusprechen. Die Geländefrage wurde gleichzeitig geregelt.
Da das Gelände im Kohlenabbaugebiet liegt und dessen Abbaugesetz unterliegt mußte erst um Freigabe nachgesucht werden. Dem wurde auch stattgegeben. Die Freigabe erfolgte unter folgenden Bedingungen: Am 1. Januar 2010 muß das Gelände falls es zu Bergbauzwecken gebraucht wird, ohne Entschädigung zur Verfügung stehen. Nach hartem Kampfe wurde ein anderer Bautyp gewählt u. noch ein Anbau bewilligt. Für die Siedler, welche nicht berücksichtigt werden konnten wurde ein Gesuch beim Ministerpräsidenten von Killinger gemacht u. gebeten noch 6 Stellen zur Vervollständigung der Siedlung noch zu bewilligen. Das Gesuch wurde genehmigt. Der Siedler Otto Müller trat zurück und der Siedler Karl Zille mußte ausscheiden. Dafür wurden die Siedler Richard Schulze (Fabricius) und Fritz Kluge eingereicht. - Ende September 1933 wurden die Vorarbeiten begonnen und am 14. Oktober von Herrn Bürgermeister Gläser und dem ältesten Einwohner von Gerichshain der erste Spatenstich vollzogen. Der Bürgermeister ermahnte die Siedler in Kameradschaftsgeist die Siedlung zu vollenden u. sprach ein dreifaches „Sieg heil" auf den Reichspräsidenten aus. Mit frischer Kraft ging es nun an die Arbeit u. am 22. Oktober wurde der Grundstein gelegt. Dazu wurden 3 Fahnen aufgestellt:
die alte deutsche Fahne - schwarz-weiß-rot,
die Sachsenfahne grün-weiß, verkörpert Sachsen Ruhm u. Größe u. hat Freud u. Leid des Landes geteilt u. zeitgemäß die Hakenkreuzfahne.
8.30 Uhr war gemeinschaftlicher Kirchgang. Herr Pfarrer Albrecht ermahnte die Siedler zum Kameradschaftsgeist beim Aufbau. Im Kindergottesdienst hat er den Kindern von dem ehemaligen Orte Oeltzsche erzählt. Um 11 Uhr war die eigentliche Feier. Sämtliche Gemeindevertreter, die Siedler mit ihren Angehörigen, der Kirchenchor, der Posaunenchor und viele Einwohner nahmen daran teil. Der Vorsitzende der Siedler Herr Walter Dämmich begrüßte die Prominenten u. die übrigen Gäste und dankte für ihr Erscheinen. Er ermahnte die Siedler sie mögen in Gemeinschaftsgeist das Werk vollbringen. Nach der folgenden Ansprache des Bürgermeister Gläser mit der Mahnung in Kameradschaftsgeist die Siedlung zu vollenden. Dann wurde ein Schriftstück in den Grund des 1. Hauses, auf der rechten Seite der Hinterfront vermauert."
Im Schriftstück ist das Datum der Grundsteinlegung 29.10.1933 geschrieben, einiges aus der Vorgeschichte z. B. noch im Jahre 1751 hat man Merkmale der ehemaligen Wüstung „Olswicz" wie Keller u. Brunnen gefunden u. noch heute (1933) ist ein Brunnen, der in den Steingassenteich abfließt. Um die vorstädtische Kleinsiedlung zu errichten hatten sich 16 Siedler zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen u. in Verbindung mit der Gemeinde u. Amtshauptmannschaft einen Reichsdarlehen erhalten.
Zitat: „Durch die Inflation wurden auch noch die letzten Spargroschen des Volkes geraubt. Die Arbeitslosigkeit setzte ein. Das Heer der Arbeitslosen wurde von Jahr zu Jahr größer und dadurch verarmte das Volk u. der Staat immer mehr. Um die Arbeitskraft des Erwerbslosen nutzbar u. ihm sein Los ertragbarer zu machen ist der vorstädtische Kleinsiedlergedanke angeregt worden. Der Siedler bekommt vom Reich 2250 Mk auf 40 Jahre Tilgungsraten zu 4% Zinsen u. 1% Amortisation u. baut dann in Gemeinschaft mit den anderen Siedlern sein Heim mit Garten.
Besitzer des Baulandes war Gutsbesitzer Albert Klemm
Die Anreger u. Förderer der Siedlung waren:
Herr Bürgermeister Gläser u. Gemeinderat
Herr Amtshauptmann Dr. Etienne, Amtshauptmannschaft Grimma
Träger des Verfahrens Landessiedlungsgesellschaft „Sächsisches Heim" Dresden Herr Dir. Wrede, Dresden
Herr Dipl.-Ing. Wagner, Leipzig mit viel Eifer
Als Bauleiter die Herren Baumeister Kramer u. Hübschmann
Entwurf d. Hauses Architekt Bruno Klee
Ausführende d. Erd-, Maurer- u. Betonarbeiten Gustav Zausch u. Sohn, Bauunternehmer Machern
Ausführung d. Zimmerarbeiten: Max Döring, Naunhof
Namen der bauenden Siedler: Michael Bohn, Paul Bäßler, Walter Dämmich, Fritz Estel, Richard Eger, Heinrich Fenker, Felix Hosang, Otto Kühne, Max Kaczmarek, Fritz Kluge, Karl Mehle, Felix Müller, Otto Nicolaus jun., Otto Nicolaus sen., Rudolf Reck, Otto Schütze, Richard Schulze, Herbert Papst.
Mit dem Wunsche, unser liebes Vaterland u. unsere Siedlung soll blühen, versenkten wir die Urkunde. Diese Handlung übernahm Herr Baumeister Zausch, Herr Pfarrer Albrecht legte den Grundstein u. sprach den Segen über das wiedererstandene Oeltzsche. In den folgenden Ansprachen der Bürgermeisters und Herrn Walter Dämmich, als unseren Vorsitzenden kam zum Ausdruck „Einer für alle u. alle für einen!"
Zu den folgenden 8 Tagen waren die Außenmauern vom 1. Hause u. das 2. Haus im Grund fertiggestellt. Beim Hause 6 mußten wir des eintretenden Frostes wegen aufhören. Bei den Ausschachtungsarbeiten am Doppelhaus 5 wurde ein altes Brandbeil u. andere Überreste, die wir nach Grimma abgaben, gefunden.
Am 9. März 1934 wurden die Arbeiten wieder aufgenommen u. ein Haus nach dem anderen wuchs aus der Erde empor. Als am 2. Juni 1934 das 9. und damit letzte Doppelhaus gerichtet wurde, verbanden die Siedler das Ereignis mit einer kleinen Feier, zu welchen verschiedene Firmen beigetragen hatten.
Ein Siedler Fritz Kluge scheidet aus, für ihn wird Karl Zille eingereicht.
Am 27. Juli 1934 wurde zur Verlosung geschritten.
Im Borsdorfer u. Gerichshainer Heimatblatt Nr. 90/8 v. Dezember-Januar 33/34 ist die Grundsteinlegung öffentlich bekannt gegeben.
Das 1. Doppelhaus ist für Kinderreiche eingerichtet worden. Die oberen Räume wurden ausgebaut u. der Aufgang nach dem Boden zugemacht. Siedler Kühne u. Kaczmarek teilten sich hierein. Die übrigen Siedler losten gemeinschaftlich die Doppelhäuser aus. Das Los fiel auf: 2. Haus Karl Mehle u. Walter Dämmich, 3. Haus Felix Müller u. Fritz Estel, 4. Haus Richard Schulze u. Otto Schütze, 5. Haus Otto Nicolaus jun. u. Rudolf Reck, 6. Haus Karl Zille u. Heinrich Fenker, 7. Haus Nicolaus sen. u. Herbert Pabst, 8. Haus Richard Eger u. Felix Hosang, 9. Haus Paul Bäßler u. Michael Bohne.
Da die Siedler nun ihr Eigentum kannten wurde noch freudiger gearbeitet. Jeder brachte Verwandte anderer Berufszweige mit. Am Sonntag nach der Verlosung waren 45 Mann auf der Baustelle. Für den schwer erkrankten Baumeister Kramer vom „Sächsischen Heim" erledigten Baumeister Hundt u. Schröder die Geschäfte. Ersterer setzte die Fertigstellung für den 1. November fest. An welchen Tage auch der Einzug erfolgen konnte. Es war für alle eine große Freude. Verschiedene gaben es durch eine Feier kund. Baumeister Kramer war es nicht vergönnt daran teilzunehmen. Er starb am 12. November 1934. Am 15. November wurde er auf dem Johannisfriedhof Leipzig bestattet. Wir bedauern sein Scheiden sehr, da wir in ihm einen treuen Berater u. einen Menschen, der uns in mutlosen Tagen immer wieder gut zuredete, verloren haben. Die Siedler werden ihn stets in treuen Andenken behalten.
Die neuen Häuser sind wohnlich eingerichtet. Teilweise schon Radio angelegt. 2 Taufen wurden abgehalten. Am 18.11.1934 wurde Walter Siegfried Dämmich in der Kirche Gerichshain getauft u. am 2.12.1934 der leider erkrankte Bernhard Rudolf Müller zu Hause. Das Weihnachtsfest, daß 1. im neuen Heim wurde von allen in stiller Freude gefeiert.
Das neue Jahr 1935 begrüßten die Siedler teils gemeinschaftlich. Doch das Jahr 1934 war für die Siedler segensreich. Doch mußten sie auch einen schweren Schlag hinnehmen u. miterleben. Reichspräsident u. Generalfeldmarschall von Hindenburg wurde am 2. August zur Ewigkeit abgerufen. Wir haben unseren Schmerz bekundet, indem wir am Beisetzungstage 9. 8.1934 die Arbeit eine Stunde haben ruhen lassen. Ein großer Deutscher, dem wir zu Dank verpflichtet sind ist von uns gegangen. Nach und nach konnten wir uns wieder in den großen Arbeitsprozeß einreihen.
Die Einweihung der Siedlung konnte 1934 noch nicht stattfinden, da noch einige Türen u. der Zaun fehlten. Wir werden 1935 das Versäumte nachholen.
Gottes Segen walte
über der neuen Heimatscholle
- Durch'n Oeltzsch -
Neu-Oeltzschau